Kennst du diesen Moment aus den letzten Tagen oder Wochen? Du nimmst all deinen Mut zusammen, um ein wichtiges Thema anzusprechen. Du formulierst deine Sätze extra vorsichtig, ohne Vorwürfe, ganz ruhig. Doch noch bevor du deinen Gedanken zu Ende gesprochen hast, sackt dein Partner in sich zusammen, reagiert verletzt oder blockiert komplett.

In dir breitet sich eine tiefe, kalte Resignation aus. Du schüttelst den Kopf und denkst: „Es hat einfach keinen Sinn mehr. Wir sprechen zwar dieselbe Sprache und doch verstehen wir uns einfach nicht mehr.“

Es fühlt sich an, als würde jedes deiner Worte auf dem Weg zum anderen verzerrt werden. Egal, wie sehr du dich bemühst, am Ende kommt immer das Gegenteil von dem an, was du eigentlich sagen wolltest.

In dieser Resignation landen die meisten Paare bei dem frustrierenden Schluss: „Mein Partner hört mir einfach nicht richtig zu oder ignoriert meine Bedürfnisse mit Absicht.“

Doch das Problem ist fast nie, dass dein Partner weghört. Das Problem ist der unsichtbare Übersetzer, der in seinem Kopf jedes deiner Worte in eine ganz andere Sprache übersetzt.

Zwei Übersetzer am selben Tisch

Wenn wir mit unserem Partner sprechen, gehen wir wie selbstverständlich davon aus, dass unsere Worte genau so bei ihm ankommen, wie wir sie weggeschickt haben. Wir glauben, dass ein Satz wie „Ich brauche am Wochenende mal etwas Zeit für mich“ eine einfache, unmissverständliche Information ist.

Doch das ist ein grosser Irrtum. Dieser einfache Satz kann auf mannigfaltige Weise interpretiert werden.

In jedem von uns arbeitet ein unbewusster Übersetzer, der Tag und Nacht jede Botschaft des anderen filtert.

Dieser Übersetzer arbeitet nicht neutral. Er nutzt als Vorlage eure gesamte persönliche Vergangenheit, eure vergangenen Verletzungen und all die Erfahrungen, die ihr jemals mit Nähe und Distanz gemacht habt.

Wenn du also sagst: „Ich brauche am Wochenende mal etwas Zeit für mich“, hört dein Partner nicht diesen sachlichen Wunsch. Sein innerer Übersetzer schlägt sofort das Kapitel mit der Aufschrift „Zurückweisung und Liebesentzug“ auf. Und die blitzschnelle Übersetzung für deinen Satz lautet: „Ich halte es mit dir nicht mehr aus. Du bist mir zu viel und ich ziehe mich vor dir zurück.“

Dein Partner reagiert also nicht auf das, was du gesagt hast. Er reagiert auf die Übersetzung, die sein innerer Übersetzer ihm in Millisekunden auf den Bildschirm wirft.

Das Missverständnis ist der Normalzustand

Wenn wir das nicht verstehen, führt jedes Gespräch unweigerlich in die Sackgasse. Wir fangen an, uns über die Übersetzung zu streiten, während wir eigentlich glauben, über das eigentliche Thema zu sprechen.

Du versuchst verzweifelt zu erklären, dass du doch nur ein Buch lesen wolltest. Dein Partner versucht verzweifelt zu erklären, wie weh ihm deine vermeintliche Ablehnung tut. Ihr redet aneinander vorbei, weil eure beiden Übersetzer völlig unterschiedliche Sprachen sprechen.

Vielleicht hört dein Partner dir also die ganze Zeit aufmerksam zu. Aber sein innerer Übersetzer macht daraus eine Bedrohung.

Keiner von euch beiden ist bösartig oder desinteressiert. Ihr seid auch nicht inkompatibel. Ihr vertraut lediglich blind der Übersetzung eures eigenen inneren Übersetzers, statt den anderen zu fragen, was er eigentlich gemeint hat.

Die Sprache des anderen neu lernen

Wenn ihr diesen Kreislauf der Resignation durchbrechen wollt, müsst ihr nicht lauter sprechen oder noch vorsichtigere Worte wählen. Ihr dürft beginnen, die Arbeit eurer inneren Übersetzer neugierig zu hinterfragen.

Diese Veränderung beginnt mit einer einfachen, mutigen Pause im Gespräch. Es startet in dem Moment, in dem du merkst, dass dein Partner unerwartet heftig oder verletzt reagiert. Statt dich nun zu verteidigen oder frustriert zu schweigen, trittst du innerlich einen Schritt zurück. Du wirst neugierig auf das, was gerade in seinem Kopf angekommen ist. Du fragst dich: „Welche Übersetzung hat sein innerer Übersetzer ihm gerade geliefert, dass er so reagieren muss?“

Aus diesem neuen Blickwinkel weicht die lähmende Resignation. Du musst nicht mehr um jedes Wort kämpfen. Ihr könnt beginnen, eure inneren Übersetzer gemeinsam bei der Arbeit zu beobachten.

Wenn du deinen Partner in einem ruhigen Moment fragen kannst: „Sag mal, was ist von meinem Satz gerade bei dir angekommen?“, öffnest du die Tür zu einer völlig neuen Verbindung. Ihr lernt die Sprache des anderen ganz neu kennen und die alte Resignation verwandelt sich in ein echtes, lebendiges Interesse aneinander.

Die Übersetzungen hinterfragen

Beginnt heute damit, die automatischen Übersetzungen in eurem Kopf nicht mehr für die absolute Wahrheit zu halten. Ihr müsst nicht perfekt sprechen lernen. Es braucht zuerst nur die ehrliche Bereitschaft zu erkennen, dass der andere euch fast nie so verletzen will, wie es bei euch ankommt.

Ihr habt nicht aufgehört, einander zu lieben. Ihr habt nur vergessen, wie man die Botschaften des anderen richtig liest.

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