Wir leben nur noch wie in einer WG – ist das normal?
Es ist ein schleichender Prozess, den man meistens erst bemerkt, wenn er schon längst abgeschlossen ist. Die leidenschaftlichen Gespräche am Anfang eurer Beziehung haben sich in ein gut geöltes Organisationsteam verwandelt. Ihr teilt euch den Alltag, die Termine, die Rechnungen und die Kinder, aber ihr teilt euch kaum noch das, was in eurem Inneren geschieht.
Ihr sitzt abends auf dem Sofa, jeder in seiner Welt, und ihr habt das Gefühl, den anderen in- und auswendig zu kennen. Du weisst, was er zum Abendessen möchte, welchen Sänger er mag und welche Gewohnheiten ihn auf die Palme bringen.
Du blickst deinen Partner an und denkst: „Ich kenne dich. Da gibt es nichts mehr, was mich heute noch überraschen könnte.“
In dem Fall passiert etwas Fatales: Dein Partner hört auf, ein Mensch zu sein, den du entdecken willst, und wird zu einer vertrauten Kulisse deines Lebens.
Wir glauben, wir hätten das Buch unseres Partners längst fertig gelesen. Dabei schreibt er jeden Tag neue Seiten und wir hören einfach auf, darin zu blättern.
Das Buch, das wir nicht mehr aufschlagen
Am Anfang einer Beziehung sind wir wie neugierige Leser bei einem spannenden Roman. Jede Seite ist neu, jede Antwort überrascht uns, jede Facette des anderen fasziniert uns. Wir stellen Fragen, die tief gehen. Wir wollen wissen, was den anderen bewegt, wovor er Angst hat und was ihn heute zum Lachen bringt.
Doch irgendwann schleicht sich ein Gefühl der Sicherheit ein. Wir glauben, wir hätten den anderen „geknackt“. Wir haben unser Urteil gefällt: So ist er. Das denkt er. Das macht er.
Ab diesem Tag hören wir auf, Fragen zu stellen, die wirklich in die Tiefe gehen, die Innenwelt des Partners zu erkunden. Unsere Kommunikation beschränkt sich auf das, was an der Oberfläche glitzert: Organisatorisches, Praktisches, Alltägliches, Unpersönliches.
Da wir glauben, den Inhalt schon zu kennen, schlagen wir das Buch nicht mehr auf. Aber ein Mensch ist kein abgeschlossener Roman, den man ins Regal stellt. Ein Mensch ist ein fortlaufendes Werk, das sich durch jede neue Erfahrung, jeden Schmerz und jede Freude verändert. Wenn du heute glaubst, du würdest deinen Partner kennen, dann kennst du nur die Person, die er vor Jahren war - wenn überhaupt.
Vertrautheit - Fluch und Segen
Dieses „Vertraute“ ist eine gefährliche Falle. Wenn die Kommunikation an der Oberfläche stecken bleibt, findet keine seelische Berührung mehr statt. Man kann das Leben teilen und sich dennoch emotional Lichtjahre voneinander entfernt fühlen.
Wenn die Neugier stirbt, stirbt auch die Anziehung. Denn echte Nähe entsteht nicht dadurch, dass man alles weiss, sondern dadurch, dass man bereit ist, sich immer wieder neu überraschen zu lassen.
Das Nebeneinanderherleben ist deshalb meistens kein Mangel an Liebe, sondern ein Mangel an echter Neugier auf die innere Welt des anderen. Es ist die bequeme Entscheidung, sich nicht mehr auf die Reise in das Unbekannte des anderen zu begeben, weil man glaubt, man kenne den Weg bereits in- und auswendig.
Seien wir mal ehrlich: Das ist eine hochmütige Einstellung. Kennen wir uns in der Tiefe? Sind wir uns selbst unserer eigenen Muster und Schatten bewusst? Wie können wir dann denken, den andern wirklich zu kennen? Wir berauben uns un dem anderen jegliche Chance auf Weiterentwicklung und halten uns sowie den Partner klein.
Die Kunst, Unentdecktes zu finden
Der Weg zurück aus dieser Leere beginnt mit einer einzigen Entscheidung: Du nimmst an, dass du heute noch gar nichts über den Menschen weisst, der dir gerade gegenüber sitzt. Du verabschiedest dich von dem Bild, das du dir über die Jahre von ihm gemacht hast. Du legst die Schublade, in die du ihn gesteckt hast, beiseite.
Wir erleben dies in unseren Sessions immer wieder: Dieser neue Blick, mit dem ein Mann oder eine Frau den Partner plötzlich ansieht. Diese Erkenntnis: Jetzt verstehe ich dich, jetzt sehe ich dich wirklich.
Das beginnt mit ehrlichem Interesse. Statt zu fragen: „Wie war dein Tag?“ – eine Frage, auf die man nur noch ein „Gut“ erwartet – fragst du heute etwas, das den anderen zwingt, in sich hineinzuhorchen:
„Was hat dich heute im Inneren bewegt, auch wenn es nichts mit unserem Alltag zu tun hat?“
„Was ist etwas, das dich in den letzten Wochen nachdenklich gemacht hat, worüber wir noch gar nicht gesprochen haben?“
Eines ist uns dabei ganz wichtig: Es geht hierbei nicht um Kommunikation, nicht darum, irgendwelche Fragen abzuspulen. Es geht uns immer um eine neue Haltung: wahrhaftig, ehrlich, interessiert, offen, neugierig, mitfühlend, wohlwollend.
Wen du aus dieser Haltung heraus eine Frage stellst, deren Antwort du noch nicht kennst, durchbrichst du die Oberfläche. Du beginnst, die nächste Seite im Buch aufzuschlagen.
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